«Wenn andere in der Badi sitzen, sind wir garantiert am Arbeiten»
Der Arbeitsplatz von Michael Heid befindet sich überwiegend in grosser Flughöhe in der Twin Otter DHC-6-300 oder in der Super King Air von swisstopo. Als Chef Flugdienst bei swisstopo verantwortet er die digitalen Luftaufnahmen für die Geodatenproduktion. Warum man nach einer notwendigen Essenpause die Sauerstoffmaske besser wieder richtig schliesst und was er vom Einsatz einer Drohne hält, erzählt der 37-jährige aus dem Wehntal in einem Interview.
swisstopo ist das Landschaftsgedächtnis der Schweiz.
Michael Heid, Sie sind Chef Flugdienst bei swisstopo. In welcher Mission sind Sie unterwegs?
swisstopo ist das Landschaftsgedächtnis der Schweiz und wir vom Flugdienst füttern dieses Gedächtnis mit Bildern. Das heisst: wir erfassen sämtliche Luftbilder für die Geodatenproduktion. Wir liefern also die Daten unter anderem für die Nachführung des Topografischen Landschaftsmodells und für die Landkarten. Der Artikel 75a der Bundesverfassung «Die Landevermessung ist Sache des Bundes» ist übrigens unsere Legimitation.
Seit wann sind Sie beim VBS und wie kamen Sie zu dieser Stelle bei swisstopo?
Ich habe vor 15 Jahren bei der Luftwaffe als Berufsbordoperateur angefangen. Während dieser Zeit war ich bereits in Kontakt mit den Kollegen vom Flugdienst der swisstopo. Als sich die dort tätigen drei Herren kurz vor dem Ruhestand befanden, bekam ich das Angebot, in diese Abteilung zu wechseln und später zu übernehmen. Diese einmalige Gelegenheit musste ich einfach wahrnehmen.
So konnten Sie ihr Team neu zusammenstellen?
Ja genau. Ich wollte zum einen jemanden, der sich im Luftraum auskennt und einen guten Draht zu Skyguide aufbauen konnte, da die Integration unserer Bedürfnisse in den Luftraum eine immer grössere Herausforderung darstellt. Diese Person habe ich in Carlo Bosco gefunden. Er war angehender Fluglotse bei der Luftwaffe und kommt somit aus dem Bereich der Flugsicherung. Dann haben wir weiter Simon Hagmayer an Bord. Er hat Geographie studiert, kommt aus der Bildauswertung und kennt sich sehr gut im Bereich der Aufnahme-Sensorik aus. Ich selber bringe das Aviatik-Know-how mit. Wir ergänzen uns somit perfekt.
Die Aviatik gehört zu meiner DNA.
Fliegen Sie in dem Fall selber auch?
Ja, ich fliege selber zivile Helis und arbeite nebst meiner Tätigkeit bei swisstopo auch als Helifluglehrer. Die Aviatik gehört zu meiner DNA. Sie ist meine grosse Passion und beschäftigt mich schon das ganze Leben. Wenn man diesen Virus hat, wird man ihn nie wieder los.
Wie stellt sich das Team im Flugzeug zusammen?
Das Team besteht je nach Flugzeug aus einem oder zwei Piloten, dem Operateur, also jemand von unserem dreiköpfigen Team, und in der Twin Otter statt einem zweiten Piloten, einem Bordmechaniker. Der Operateur bedient die Kamera, bestimmt die zu fliegende Route und entscheidet, welcher Zeitpunkt für ein bestimmtes Gebiet am besten geeignet ist. Der Bordmechaniker ist verantwortlich, den Luftraum draussen zu beobachten. Wir fliegen ja häufig in unkontrolliertem Luftraum und müssen ständig darauf achten, dass es keine Kollision mit den vielen anderen Akteuren in der Luft, namentlich mit anderen Luftfahrzeugen, Segel- oder Gleitschirmfliegern oder gar Drohen, gibt.
Die Piloten werden von der Luftwaffe gestellt.
Genau, die beiden Flugzeuge, also die Twin Otter DHC-6-300 und die Beechcraft Super King Air Super 350C, werden von Piloten der Luftwaffe geflogen und von den Luftfahrzeugmechaniker der Luftwaffe gewartet. Die Zusammenarbeit ist sehr gut und die Prozesse sind perfekt etabliert. Es ist eine klassische Win-win-Situation. Kostengünstiger könnten wir den Flugdienst nicht betreiben. Wenn wir selber Piloten anstellen müssten, wäre dies ein enormer Kostentreiber. Die Luftwaffe kann übrigens unsere Flugzeuge auch für ihre Bedürfnisse einsetzen.
In Ihrem Beruf geht es ja zum einen grossen Teil ums Fotografieren. Sind Sie gelernter Fotograf?
Nein, ich bin gelernter Geomatiker, beschäftige mich aber schon seit meiner Kindheit mit dem Fotografieren und habe mir vieles selber beigebracht. Klar, für diesen Beruf braucht es ein technisches Grundverständnis, aber das Meiste lernt man on the job. Bei der Luftwaffe hatte ich mir bereits viel Know-how angeeignet und unterdessen viele weiterführende Kurse besucht.
Wenn andere in der Badi sitzen, sind wir garantiert am Arbeiten.
Was sind die Voraussetzungen, um Ihren Beruf ausüben zu können?
Vor allem müssen die Leute sehr flexibel sein. Unsere Arbeit ist extrem wetterabhängig und so sind wir bei schönem Wetter am Wochenende oder an Feiertagen wenn andere in der Badi sitzen, garantiert am Arbeiten. Man muss auch stundenlang extrem konzentriert arbeiten können. An Bord gibt es enorm viel Eindrücke zu verarbeiten. Am Abend ist man dann jeweils todmüde.
Wie sieht es mit dem Arbeiten bei Turbulenzen aus?
Flugangst sollte man bei uns natürlich nicht haben und Turbulenzen machen uns nicht wirklich was aus. Bei zu vielem Auf- und Abwind meldet aber die Stabilisierungsplattform der Kamera, dass es mit den Aufnahmen nichts mehr wird. Das heisst die Kamera ist vorher am Limit als wir (lacht).
Kamen Sie schon mal in eine brenzlige Situation?
Bei einer Flughöhe von 6000 bis 7000 Metern wird vor allem in der Twin Otter der Sauerstoff zum Thema. Die Twin Otter hat keine Druckkabine, also fliegen wir mit einem Helm mit einer Sauerstoffmaske. Vor einigen Jahren kam es mal zu einem Zwischenfall. Ein Operateur legte für kurze Zeit die Sauerstoffmaske ab, weil er etwas Kleines essen wollte. Im Anschluss setzte er die Maske nicht mehr korrekt auf und verlor das Bewusstsein. Der Bordmechaniker bemerkte dies aber sofort und das Flugzeug konnte schnellstmöglich landen.
Welche Gebiete werden wann abfotografiert?
Jedes Jahr wird ein Drittel der Schweiz abfotografiert. Wie ein Rasenmäher auf einem Fussballfeld fliegen wir die Schweiz Linie nach Linie ab und erstellen sogenannte Bildstreifen. Das heisst wir benötigen jeweils drei Jahre um die ganze Schweiz wieder neu fotografisch zu erfassen. Dieses Jahr sind wir wieder im westlichen Drittel. Der Jura, das westliche Mittelland und der Grossteil der Walliser Täler sind gemacht. Nächstes Jahr folgen unter anderem Bern, Aargau, Basel, Luzern und das Tessin und im letzten Jahr ist dann die Ostschweiz dran.
Was sind die Voraussetzungen, dass Sie in die Luft zum Fotografieren können?
Wir fliegen grundsätzlich zwischen März und Oktober. Für gewisse technische Aufnahmen muss die Landschaft laublos sein. Weiter darf kein Schnee mehr liegen.
Wir benötigen einen Sonnenstand von mindestens 35 Grad über dem Horizont, sonst ist der Grau- und Schwarzanteil zu gross. Und es darf absolut keine Wolken oder Wolkenschatten in den Aufnahmen haben. Das bedeutet, dass wir vor allem am Vormittag unterwegs sind, weil sich ab Mittag häufig Quellwolken bilden. Um die idealen Tage zu erwischen, sind wir im ständigen Austausch mit MeteoSchweiz. Selber sind wir zwar keine Wettergötter, haben aber im Laufe der Zeit auch ein Gespür für die Wetterlagen entwickelt.
Was bedeutet dies in Zahlen und wievielmal pro Monat heben Sie ab?
Ca. 8 bis 9 mal pro Monat, das heisst wir fliegen circa 60 Missionen jährlich. Insgesamt handelt es sich dabei um zwischen 300 und 400 Flugstunden.
Ihre Arbeit ist auch für andere Einsätze gefragt…
Ja. Wir bieten unter anderem auch das Rapid Mapping an. Das ist eine Erhebung von Luftbildern für die Dokumentation im Fall von Naturereignissen, also zum Beispiel bei Überschwemmungen oder Waldbränden. In einem solchen Fall erteilt das Bundesamt für Umwelt BAFU den Auftrag an swisstopo. Wir müssen dann innerhalb von Stunden vor Ort sein können und können da auch auf den Heli der Kantonspolizei Zürich zurückgreifen. Damit wir im Luftraum Priorität haben, treten wir, im Gegensatz zu früher, dann als Blaulichtorganisation auf.
Das menschliche Auge hat der Drohne gegenüber einen immensen Vorteil.
Werden in ferner Zukunft mal Drohnen einen Teil Ihrer Arbeit übernehmen?
Die Drohnen werden vermutlich unsere Arbeit nie ganz ersetzen, aber sie werden sicher komplementär eingesetzt werden können. Die Drohnen haben den Vorteil, dass sie an einem wettermässig perfekten Tag 10 Stunden am Stück fliegen können. Wir müssen nach 4,5 Stunden auftanken. Aber eine Drohne ist kein bemanntes Flugzeug. In unserem Flugzeug haben wir 6 Augen und können zusammen Entscheidungen bezüglich dem Flugprogramm aufgrund der Wetterverhältnisse fällen und von Situation zu Situation entscheiden und reagieren. Diese Entscheidungen können mit Drohnen nicht oder nur schwer gefällt werden. Drohnen wird man meiner Meinung nach vor allem im Alpenraum einsetzen können, schwierig wird es in der Umgebung von Flughäfen mit dem ganzen Verkehr der Airlines und den vorher erwähnten weiteren Akteuren im Luftraum, auf welche man ständig Acht geben muss. Das menschliche Auge hat der Drohne gegenüber einen immensen Vorteil.
Ich habe einen absoluten Traumjob und kann mir keinen schöneren vorstellen.
Sie können in Ihrem Beruf Ihre Passion ausleben. Tönt nach einem Traumjob.
Ja, ich habe einen absoluten Traumjob und kann mir keinen schöneren vorstellen. Jeder Tag ist anders und es wird einem nie langweilig. Wir haben das Glück, in einem der schönsten Länder der Welt unterwegs sein zu dürfen. Unsere spezielle Schweizer Topographie von oben beobachten zu können, ist einfach gewaltig. Und ich entdecke auch immer wieder einen neuen Flecken, wo ich mir sage: «Da muss ich das nächste Mal unbedingt wandern gehen!» (sagts und strahlt übers ganze Gesicht).
Flugdienst swisstopo
Der Flugdienst von swisstopo ist am Militärflugplatz Dübendorf beheimatet, von wo üblicherweise alle Vermessungsflüge starten. Bei Pistensperrungen kann aber auch auf Emmen, Payerne oder Belp ausgewichen werden. Um den Beruf als Bordoperateur ausüben zu können, bekommen die Mitarbeiter intensive interne Schulungen unter anderem von MeteoSchweiz, dem Kamerahersteller und zur Flugsicherung und werden durchs fliegerärztliche Institut, genau wie die Militärpiloten, fliegerisch selektioniert.

